forumKirche
Ausgabe Nr. 10

Das Leinentuch zieht Gläubige wie Kritiker in seinen Bann

Mythen und Fakten zum Grabtuch von Turin

Vom 10. April bis zum 23. Mai wird das wohl berühmteste Stück Stoff der Welt in Turin ausgestellt. Das 4,37 Meter lange und 1,11 Meter breite Grabtuch gehört zu den bedeutendsten und gleichzeitig umstrittensten Reliquien des Christentums. Wie das Tuch entstanden ist und woher es kam, lässt sich trotz intensivster Nachforschung durch namhafte Wissenschaftler bis hin zu selbsternannten Grabtuchkennern nicht eindeutig feststellen.

Die Geschichte des Tuchs führt in den kleinen französischen Ort Lirey, der zum Herrschaftsgebiet der Grafen von Charny gehörte. Der erste namentlich bekannte Besitzer des Grabtuchs, Geoffroy de Charny, gründete 1353 eine Stiftskirche. In den Dokumenten der Kirchengründung wird das Grabtuch nirgends erwähnt und es ist unklar, ob die Kirche als Aufbewahrungsort gedacht war. Klar hingegen ist die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1389. Geoffroy II. de Charny und einige Kleriker organisierten eine Ausstellung in der Stiftskirche. Dieses Vorhaben störte jedoch Pierre d’Arcis, den Bischof von Troyes, da das Leinentuch mit dem schwachen Abbild eines menschlichen Körpers scharenweise Pilger nach Lirey zog und die Kirchenkasse füllte. Der Bischof hielt das als Grableinen Jesu verehrte Tuch für eine Fälschung und bezichtigte die Aussteller der Gewinnsucht und Betrügerei. In einem mehrseitigen Memorandum kritisierte er das umstrittene Objekt, wurde aber von höchster Stelle zum Stillschweigen gezwungen.

Ähnlichkeit mit anderem Tuch
Wo das Tuch vorher war und wie es im Mittelalter nach Frankreich kam, ist nicht eindeutig geklärt. Vieles spricht dafür, dass das Grabtuch mit dem sagenumwobenen «Mandylion von Edessa» identisch ist. Jenes Tuch wurde nach einer Flutkatastrophe im türkischen Edessa anno 525 bei Sanierungsarbeiten in einer Mauernische entdeckt. 943 wurde das als Christusbild verehrte Tuch vom byzantinischen Heer erzwungen und nach Konstantinopel überführt. Die Annahme, dass das Grabtuch von Turin und das Mandylion von Edessa identisch sind, wird durch ein weiteres Indiz bekräftigt: Auf dem Grabtuch gibt es kleine Brand- oder Säurelöcher, die deutlich älteren Datums sind. Genau die gleichen Löcher sind auch in einem ungarischen Gebetsbuch, dem «Codex Pray» aus dem späten 12. Jahrhundert, abgebildet. Was sich aber über die Lücke von gut 150 Jahren bis zum Auftauchen in Frankreich sagen lässt, darüber wurde viel spekuliert. Wahrscheinlich kam das Tuch nach der Eroberung Konstantinopels 1204 mit Kreuzrittern nach Frankreich.

Turbulente Zeiten
In der Mitte des 15. Jahrhunderts gelangte das Tuch in den Besitz der aufstrebenden Dynastie des Hauses Savoyen und fand in der Schlosskapelle von Chambéry einen dauerhaften Aufenthalt. 1532 gab es einen furchtbaren Brand, den das Grabtuch zwar überstand, aber erhebliche Beschädigungen davon trug. Durch die Stoffschichten des zusammengefalteten Tuches hatte sich ein Loch durchgebrannt und Löschwasser verursachte grosse Flecken. Zwei Jahre später überdeckten die Klarissen von Chambéry die dreieckigen Brandlöcher mit Stoffflicken und nähten es auf ein zweites, ein holländisches Leinentuch auf. Mit Herzog Emanuele Filiberto von Savoyen kam das Tuch nach Turin und erhielt dort seinen heute üblichen Namen. Mit dem Untergang der Dynastie des Hauses Savoyen nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Grabtuch durch Vererbung an den Heiligen Stuhl über.

Eine Fotografie sorgte für eine Sensation
Spannend ist auch die Geschichte, die das Grabtuch selber erzählt. Der Auftakt für die moderne Erforschung begann 1898, als Secondo Pia, damaliger Bürgermeister von Asti und talentierter Hobbyfotograf, das Grabtuch fotografieren durfte. Auf dem Negativ wurde erstmals das positive Bild eines gekreuzigten Mannes deutlich sichtbar. Auf dem Grabtuch hebt sich der Abdruck des einstmals eingehüllten Mannes nur unwesentlich ab, beim fotografischen Negativ jedoch waren die Gesichtszüge plötzlich klar erkennbar. Zwar wurden diese Bilder kritisiert und mehrfach als Fälschung tituliert, doch fanden sich zahlreiche Gegenstimmen, die eine umfassende Erforschung des Tuchs forderten. 1969 schliesslich wurden erstmals Farbfotos gemacht. Später wurde das Grabtuch selbst untersucht und Gewebeproben entnommen. Dabei bestätigten die Analysen, dass es sich bei dem Abdruck nicht um ein Gemälde oder Kunstwerk handeln kann. Auf dem Leintuch sind keine Spuren von Farben auffindbar, jedoch zahlreiche Blutspuren, die tatsächlich menschlichen Ursprungs sind.

Viele Ungereimtheiten bei Untersuchungen
Der wissenschaftliche und auch umstrittenste Höhepunkt der Erforschung war der Radiokarbontest von 1988. Drei Laboratorien aus verschiedenen Ländern, darunter eines in Zürich, untersuchten unabhängig voneinander eine Probe des Grabtuchs nach der C-14 Methode, der Radiokohlenstoffdatierung. Sie waren sich alle einig, dass das Tuch aus der Zeit zwischen 1260 und 1390 stammt. Statt der erhofften Klarheit, wurde die Diskussion erneut heftig angefacht. Dass die Laboruntersuchungen ohne Kontrolle seitens der römisch-katholischen Kirche durchgeführt und die Verpa ckung der Röhrchen mit den Stoffteilen im Gegensatz zur Entnahme nicht gefilmt wurden, liess grossen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Tests aufkommen. Man glaubte an eine Manipulation der Untersuchungen und entwarf bizarre Verschwörungstheorien. Ein amerikanischer Chemiker meinte nachweisen zu können, dass das Leinen bis zu 3000 Jahre alt sein könnte.

Weiterhin rätselhaft
Die römisch-katholische Kirche gibt kein offizielles Urteil über die Echtheit des Grabtuches ab. Sie spricht auch nicht von einer Reliquie, sondern von einer Ikone, die verehrt werden dürfe. Und auch alle wissenschaftlichen Untersuchungen können weder die Echtheit noch die Fälschung des Grabtuchs beweisen. Lässt man den höchst umstrittenen Radiokarbontest ausser Acht, so sprechen zahlreiche Indizien dafür, dass ein gekreuzigter Leichnam eines Mannes mit Spuren einer Dornenkrone und einer Seitenwunde in das Tuch gewickelt war. Doch mit absoluter Sicherheit kann im Moment nicht festgestellt werde, ob es sich dabei um Jesus Christus handelte. Sicher ist hingegen, dass die Faszination und die Anziehungskraft des Grabtuches ungebrochen sind.

Claudia Koch

■ Literaturhinweis: Das Grabtuch von Turin, Bernd Kollmann, Verlag Herder GmbH 2010

zurück zur Übersicht

Auf dem Foto von Giuseppe Enrie von 1931 sind die Stoffflicken über den Brandlöchern sichtbar.

Bild: zVg
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh