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Ausgabe Nr. 10

«Man warf uns vor, wir hätten Spuren verwischt.»

Im Gespräch: Mechthild Flury-Lemberg über das Grabtuch

Vor acht Jahren hatte die renommierte Schweizer Textil-historikerin Mechthild Flury-Lemberg die einmalige Gelegenheit, am legendären Grabtuch von Turin Konservierungsarbeiten vorzunehmen. Im Interview spricht sie über ihre Leidenschaft für Textiles, die notwendigen Arbeiten am Grabtuch und ihren Ärger über selbsternannte Grabtuchexperten.

Frau Flury, Sie kommen eben aus Salzburg von einer Talkshow und halten übermorgen einen Vortrag über das Grabtuch. Mögen Sie überhaupt noch über das Grabtuch sprechen?

Ich spreche gerne darüber, wenn die Leute ehrlich daran interessiert sind. Ich bin eine von den ganz Wenigen, die das Grabtuch eingehend studieren durften, das war für mich ein grosses Privileg. Mich ärgert es, wenn, wie bei der Talkshow in Salzburg, Leute behaupten, es gebe gar keine Blutflecken auf dem Tuch, obwohl diese von hochkarätigen Fachleuten bestätigt wurden.

Warum gibt es solche Behauptungen?

Jeder Grabtuchinteressierte glaubt, er müsste seine Theorie im Grabtuch bestätigt sehen. Dabei haben viele der selbsternannten Experten und Kenner das Grabtuch nie mit eigenen Augen gesehen! Gerade die Naturwissenschaftler haben diesen Dreh raus und glauben nur das, was sie unter dem Mikroskop sehen. Dabei geht es doch darum, was das Tuch als Ganzes zu sagen hat, was für eine Geschichte es erzählt.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für historische Stoffe?

Ich habe schon als junges Mädchen gerne gewebt. Später habe ich in München Kunstgeschichte im Hinblick auf Textilien studiert und mich später auf Textilkonservierung spezialisiert. Anschliessend zog ich nach Bern und bekam an der Abegg-Stiftung, wo ich bis 1994 unterrichtete, die Möglichkeit, am textilwissenschaftlichen Institut im bernischen Riggisberg eine Fachabteilung für Textilkonservierung aufzubauen.

Dann haben Sie schon viele historisch wertvolle Objekte in den Händen gehalten?

Ja, zu Beginn waren es die Textilien wie Wandteppiche oder Fahnen aus dem historischen Museum in Bern. Viele Textilien aus Klöstern und Kirchen der Schweiz kamen nach Riggisberg. Auch die Grabgewänder des Heiligen Antonius von Padua oder die Kutte von Franz von Assisi habe ich hergerichtet.

«Die Echtheit des Grabtuchs konnte und wollte ich nicht bestätigen.»

Wie führte Ihr Weg zum Grabtuch von Turin?

Ich wurde bereits in den Achtziger-Jahren angefragt, eine Gewebeanalyse vorzunehmen, um zu beweisen, dass das Grabtuch echt ist. Das konnte und wollte ich jedoch nicht. Ich wollte das Tuch lieber in Ruhe lassen, da es von so vielen Menschen verehrt wurde. Als 1988 der erste C-14 Test durchgeführt werden sollte, wurde ich kurzfristig angefragt, ob ich als neutrale Person ein Stück des Stoffes für die Laboratorien abschneiden könnte. Doch die Laborchefs zerstritten sich untereinander und die Tests zogen sich in die Länge, so dass ich unverrichteter Dinge wieder abreiste.

Später engagierten Sie sich dennoch für das Tuch.

Ja, ich war Mitglied einer Kommission, die nach intensiver Beratung zum Schluss kam, dass eine Konservierung unbedingt notwendig sei. Damals habe ich das Grabtuch erstmals gesehen und das analysiert, was in mein Fachgebiet gehört. Einige Theorien von Physikern und Chemikern konnte ich während meiner Arbeit gleich widerlegen. So beispielsweise die Behauptung, dass an der Seite ein Stück Tuch angenäht worden sei, um das Bild zu zentrieren.

Gab es noch andere Ungereimtheiten?

Durchaus. Rund um die Brandlöcher hatte es immer noch Russ, der durch das Zusammenlegen oder spätere Zusammenrollen des Tuchs zu feinem Kohlenstaub zerrieben wurde. Dieser feine Kohlenstoff ver teilte sich über das gesamte Tuch. Das war mit ein Grund, warum die C-14 Analyse meiner Meinung nach nicht funktionierte. Zudem wurde das Stück Stoff genau dort entnommen, wo das Tuch immer angefasst worden, also entsprechend kontaminiert war.

Was gab den Ausschlag für die Restaurierung des Tuches?

Als ich die Rückseite des Grabtuchs sah, bemerkte ich die dunklen Flecken auf dem Stütztuch, dem Hollandtuch. Da war mir klar, dass es darunter noch Russ hatte. Stellen Sie sich vor, es wäre einmal Wasser an das Tuch gekommen! Die Restaurierung war aber auch deshalb nötig, weil sich das Bild nur wenig vom Hintergrund abhebt. Wenn der Hintergrund weiter oxidiert hätte, wäre der Abdruck irgendwann nicht mehr sichtbar gewesen.

Die Beratungen der Kommission dauerten fast zehn Jahre. Wie lange brauchten Sie für die eigentliche Arbeit?

Nur eine Woche. Es war eine ganz einfache Arbeit. Meine Kollegin und ich haben alle Russrückstande abgesaugt, die Flicken über den Brandlöchern und das Hollandtuch entfernt. Anschliessend nähten wir das Grabtuch mit dünnen Seidenfäden auf ein neues Leinentuch.

«Man warf mir vor, das Turiner Grabtuch zerstört zu haben.»

Die Konservierungsarbeiten waren ja sehr umstritten. Was für Reaktionen haben Sie erhalten?

Einmal bekam ich nachts um drei Uhr einen Anruf aus Hongkong von einem Archäologen. Er beschimpfte mich, ich hätte das Grabtuch kaputt gemacht. Viele der negativen Reaktionen hatten mit Neid zu tun. Man warf uns vor, wir hätten Spuren verwischt. Dabei ist dem Tuch ja nichts passiert, alles wurde dokumentiert und sorgfältig verwahrt.

Sie sagten zu Beginn des Gesprächs, man müsse die Geschichte des Tuches lesen. Welche Geschichte hat das Grabtuch Ihnen offenbart?

Dieses Tuch lag nicht in einem Grab, es weist keine Verwesungsrückstände auf. Was aber vor allen Dingen erstaunt ist, dass auf allen mittelalterlichen Abbildungen der Kreuzigung Jesu die Nägel durch die Handflächen gehen. Doch auf dem Turiner Grabtuch ist die Wunde eines Nagels durch das Handgelenk sichtbar. In Budapest gibt es den «Codex Pray», eine Sammlung von Manuskripten und Zeichnungen aus dem 12. Jahrhundert. Auf einem Bild ist sowohl die gleiche Körperhaltung wie auf dem Turiner Grabtuch als auch die identische Struktur des Gewebes dargestellt. Man sieht aber noch mehr.

Und das wäre?

Auf dem Tuch hat es kleine runde Löcher, die meiner Überzeugung nach von einem Tropfen Lampenöl stammen. Das Öl wurde zur Fettsäure und frass sich durch die Schichten des zusammengelegten Tuches. Die Anordnung der Löcher ist auf der Abbildung im «Codex Pray» genauso wiedergegeben. Das Tuch muss einen besonderen Wert gehabt haben, dass der Maler es bis ins kleinste Detail dargestellt hat.

Zu welchem Schluss sind Sie mit Ihren Analysen gekommen?

Bisher ist mir nichts bekannt, was gegen die Herkunft dieses Tuches aus dem ersten Jahrhundert spricht. Ich hoffe, dass wir noch mehr Mosaiksteine aus der frühen Geschichte finden, die bis jetzt auf Legenden aufgebaut sind. Die Mosaiksteine werden aber alle nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen können. Eine Sicherheit werden wir deshalb nicht haben, weil es keinen wissenschaftlichen Nachweis für Jesus Christus gibt. Das letzte Steinchen darf durchaus der Glaube bleiben.

Interview: Claudia Koch

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Mechthild Flury Lemberg: «Die Arbeit am Grabtuch war für mich ein grosses Privileg.»

Bild: Claudia Koch
Das Antlitz Jesu?

Bild: kna
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