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Ausgabe Nr. 10

Soll der Mensch sich die Erde untertan machen?

Theologische Ethik

Immer im Frühling erfreut sich unser Auge, wenn die Natur aus ihrem Schlaf erwacht und saftig-bunte Farben das triste Grau der Wintermonate verdrängen. Wie schön doch Gottes Schöpfung ist. Wäre da nicht der Mensch, der immer wieder zerstörend eingreift. Wie weit reicht eigentlich die Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur? Hat er nicht nach den Schöpfungsberichten unbeschränkte Macht über die Erde verliehen bekommen? Immerhin beauftragt doch in Gen. 1,26-31 Gott den Menschen damit, sich die Erde zu «unterwerfen» und über sie zu «herrschen».

Diese Worte werden oft derart missverstanden, als dürfe sich der Mensch der Erde gegenüber wie ein kriegerischer Feldherr verhalten. Zu Recht sind wir heute kritisch gegenüber solchen Bildern. Legt man den hebräischen Urtext der Bibel zugrunde, so offenbart sich schnell eine andere Vorstellung: Das im Deutschen mit «unterwerfen» (bzw. in der Bibelübersetzung Martin Luthers mit «untertan machen») übersetzte hebräische Wort bedeutet eigentlich «seinen Fuss setzen auf». Demnach werden die Menschen von Gott ermächtigt, dessen Lebenshaus zu betreten und es zum Wohl aller Lebewesen gegenüber den Mächten des Chaos zu verteidigen.

Der Schöpfungsauftrag bietet somit keinerlei Legitimation für gewalttätige Herrschaft oder gar Zerstörung. Im Gegenteil: Auch der Mensch verdankt seine Existenz seinem Schöpfer; er unterscheidet sich darin nicht von den Mitgeschöpfen. Er steht aber in einem besonderen Verhältnis zu seinem Schöpfer: Als Abbild Gottes repräsentiert er Gott in der Schöpfung. Er bekommt von ihm die Aufgabe übertragen, das Lebenshaus als Ganzes zu ordnen, zu bewahren und zu schützen. Aufgrund seiner Vernunftbegabtheit ist der Mensch nicht ausschliesslich in Naturgesetzlichkeiten eingebunden, sondern kann sich ihnen gegenüber auch verhalten. Er kann und darf eingreifen zum Wohle des Ganzen. Und für diese Eingriffe hat sich der Mensch seinem Schöpfer gegenüber auch zu verantworten. Denn Gott bleibt Eigentümer des Lebenshauses und der Mensch muss als dessen Verwalter das Lehen irgendwann dem Eigentümer wieder zurückgeben. Die Schöpfung existiert somit nicht ausschliesslich zum Nutzen des Menschen; ihr kommt vielmehr eine Eigenwertigkeit zu, die der Mensch zu achten hat.

Markus Babo

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Bilder: Claudia Koch
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