«Kein Mass kennt die Liebe»
Im Kloster Hegne wird die Selige Sr. Ulrika Nisch verehrtSeit fast 100 Jahren wird die Selige Ulrika Nisch in einem Kloster am Bodensee verehrt. Zahlreiche Pilger finden jedes Jahr den Weg zur Krypta, wo die Gebeine aufbewahrt sind. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums veranstaltet die Pfarrei St. Maria in Schaffhausen eine Wallfahrt zum Kloster Hegne.
Das Kloster Hegne liegt auf einer kleinen Anhöhe am Gnadensee, nur durch die Insel Reichenau vom Schweizer Ufer getrennt. Hier leben die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz, ein Teil der Franziskanischen Ordensfamilie. Das Kloster wurde 1895 gegründet. Von Beginn an setzte sich die Ordensgemeinschaft einen diakonischen Auftrag: Man sollte sich vor allem um die Menschen kümmern, die durch die Industrialisierung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Heute engagieren sich die über 300 Schwestern, deren Mutterhaus in Ingenbohl, Kanton Schwyz, liegt, in der Altenbetreuung und in der Obdachlosenhilfe. In Hegne beherbergen sie ausserdem eine Schule, ein Bildungszentrum, Orte der Begegnung für junge Menschen, und bieten Platz für Tagungs-, Seminar- und Urlaubsgäste. Für die zahlreichen Pilger ist das «Haus Ulrika» eine Anlaufstelle und zuverlässige Adresse. Hier werden die Anliegen von Gläubigen aus aller Welt gesammelt.
Schon seit fast 100 Jahren ist das Kloster Hegne ein Wallfahrtsort im Stillen, anders als Santiago und Rom, jenseits von Medienhysterie und Bestsellerlisten. Die Anziehungskraft des Klosters ist eine andere. Hier liegt die Selige Sr. Ulrika Nisch begraben, im Volksmund auch bekannt als «Heilige an den Kochtöpfen». Sie starb 1913 im Alter von 31 Jahren und wurde neben den anderen Ordensschwestern begraben. Schon kurz nach ihrem Tod kamen Gläubige an ihr Grab und baten sie um Hilfe, suchten Trost oder dankten ihr. Es war die Initiative des Volkes, die Seligsprechung zu veranlassen. Der Prozess begann 1952 und endete mit der Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1987. Heute sind die Gebeine der Seligen in der dafür gebauten Krypta untergebracht.
Gott ist das Zentrum des Lebens
«Schwester Ulrika war eine einfache Frau, die in stillem Wirken und in Einfachheit ihren Glauben gelebt hat. Sie erreichte und erreicht bis heute mit ihrer unglaublichen Ausstrahlung die Menschen.», erklärt Schwester Maria-Roswitha. Die sanfte und freundliche Schwester begleitet die Pilger auf den Spuren der seligen Schwester Ulrika und schildert ihr Leben: «Ulrika Nisch wurde im Jahre 1882 geboren, als Tochter armer Eltern.» Schon früh soll sie den Wunsch verspürt haben, Gott zu dienen. Die Begegnung mit Schwestern in Rorschach, wo sie arbeitete, bestärkte sie in ihrem Entschluss. So trat sie 1904 mit 22 Jahren in Hegne in den Orden ein und arbeitete fortan als Küchenschwester. Rund zehn Jahre war sie an verschiedenen Orten tätig, bevor sie nach Hegne zurückkehrte. «Ihre ruhige Art, die Zufriedenheit und Gottverbundenheit, die sie ausstrahlte, beeindruckte ihre Mitschwestern», sagt Sr. Maria-Roswitha, «Sie ruhte in sich und war nahe bei Gott.»
Tiefe seelische Nacht
Sr. Ulrika soll auch Krisenzeiten erlebt haben, eine Zeit «tiefster Nacht, in der sie nicht mehr glauben konnte, was ihr lange wichtig war.» Glaubenszweifel, aber auch die Erfahrung von Demütigungen waren ihr nicht fremd. In dieser Zeit machte sich die Tuberkulose bemerkbar. «Als ihr lebendiges Innenleben erstarrte, hielt sie durch und überstand die Krise dank ihres Glaubens», begründet Sr. Maria-Roswitha. In der Liebesmystik fand sie neuen Zugang zu Jesus und erlebte innige Liebe, die ihr Kraft gab im Leiden. «Kein Mass kennt die Liebe» war der Leitspruch von Sr. Ulrika.
Kleine Wunder des Alltags
«Auch das Kleine hat Gott erwählt, steht in der Bibel. Nach diesem Leitsatz sind auch die Worte und Taten der seligen Schwester Ulrika zu bewerten», meint Sr. Maria-Roswitha. Auch die Schwestern in Hegne orientieren sich daran. Sie leben weiter die Nachfolge Christi und versuchen in der heutigen Zeit Nöte zu lindern und in Einfachheit und Zufriedenheit zu leben, wie ihre selige Mitschwester dies tat. Immer wieder greifen sie die wenigen Worte auf, die von Sr. Ulrika geblieben sind, und gestalten Karten, Bilder und Briefe. «Wir hinterfragen uns häufig: Wo stehe ich? Wie wirke ich auf Menschen?», erzählt Sr. Maria-Roswitha.
Michelle Cohen
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Seligsprechung
Nach dem Kirchenrecht wird ein Christ oder eine Christin in die Schar der Seligen aufgenommen, der/die ein besonders vorbildhaftes Leben geführt hat. Nach der Seligsprechung ist eine lokale öffentliche Verehrung dieser Person gestattet. Die Seligsprechung ist Voraussetzung für den Prozess der Heiligsprechung.
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Pilgerreise
Die Pfarrei St. Maria Schaffhausen lädt im Rahmen ihres Jubiläums «125 Jahre St. Maria» zu einer Pilgerwallfahrt nach Hegne ein. Diese findet am Sonntag, 30. Mai, statt. «Alle Pfarreimitglieder sollen am Jubiläum teilhaben können», erklärt Markus Zehnder, der Organisator der Wallfahrt. Nach einer Wanderung mit meditativen Zwischenhalten findet ein Gottesdienst statt, danach die Tonbildschau über das Leben und Wirken der Seligen Schwester Ulrika Nisch. So eingestimmt besuchen die Teilnehmer die Krypta, wo stille Anbetung und Bittstellung möglich sind.
Bilder: Michelle Cohen


