forumKirche
Ausgabe Nr. 18

Anregen, Fragen zu stellen

Glaubensvermittlung aus der Sicht eines Katecheten

Der christliche Glauben verliert in den industrialisierten Ländern zunehmend an Bedeutung, volkskirchliche Strukturen lösen sich immer mehr auf. Welche Auswirkung hat dies auf den Religionsunterricht? Wie kann Glaubensvermittlung in Zukunft aussehen, vor allem in Bezug auf Jugendliche? forumKirche fragte den Katecheten Norbert Schalk nach seinen Erfahrungen und Einschätzungen. Er ist seit 1987 im Dienst und arbeitet heute im Seelsorgeverband Altnau-Güttingen-Münsterlingen.

Herr Schalk, welche Höhen und Tiefen erleben Sie als Religionslehrer?

Als Höhepunkte erlebe ich vor allem einzelne Erlebnisse. Ganz aktuell ist z. B. eine Schülerin aus der zweiten Sekundarstufe auf mich zugekommen und hat gefragt, ob sie Ministrantin werden könne. Oder wenn einem eine Lektion gut gelingt, dass Schüler einem auf der Strasse «Hallo» zurufen. Tiefen erlebe ich mit denen, die fehlen, bei denen man dann nachfragen muss und von denen man meistens den ganzen elterlichen Kirchenfrust abgeladen bekommt. Diese Auseinandersetzungen sind zeitaufwendig und kosten mehr Energie, als eine ganze Klasse zu betreuen.

Wie hat sich der Religionsunterricht in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Einstellung, vor allem der Eltern, hat sich verändert. Aber auch bei den Jugendlichen wird mehr zum Ausdruck gebracht «Ich will nicht». Das war vor zehn Jahren noch weniger zu hören. Es gibt immer mehr Eltern, die ihre persönlichen Bedürfnisse ganz hoch einschätzen. Dann kommt das Kind unter Druck, wenn es den Firmkurs mit dem Training vereinbaren soll. Das hat sich im Organisatorischen verändert. Inhaltlich, d. h. was die Einstellung der Jugendlichen betrifft, hat sich nicht viel verändert. Sie kommen nicht mit einer riesigen Begeisterung, aber sie kommen. Und sie erwarten nach wie vor Religionsunterricht. Manchmal sagen sie: «Was hat das jetzt mit Religion zu tun?» Sie rechnen mit religiösen Themen, nehmen sie auch gern an und lassen sich zum Teil auch darauf ein. Die Themen haben sich auch verändert: Heute geht man mehr auf Fragen der Lebenskunde und der Ethik ein und versucht diese mit Religion und Glauben zu verknüpfen. Es ist mir auch wichtig, die Lebenswelt der Jugendlichen zu berühren.

Wie ist es um das Wissen rund um den Glauben bestellt?

Ich staune, wie viele Erlebnisse und wie wenig Wissen sie mitbringen oder wie Wissen bei ihnen gut verschüttet ist. Im Firmkurs erinnern sie sich: «Wir haben doch miteinander Erstkommunion gehabt und haben damals das und das Thema behandelt …» Erlebnisse sind ungeheuer präsent, aber wenn man nach Moses fragt, geht das grosse Studieren los. Es kommt dann schon langsam, aber man muss sehr nachhelfen, weil sie dieses Wissen in der Zwischenzeit kaum anwenden konnten.

Welches Ziel verfolgen Sie im Religionsunterricht?

Mir ist es wichtig, dass die Schüler merken, dass Glauben und Religion etwas mit ihnen zu tun haben. Da gehört für mich alles dazu: das Vermitteln von Wissen, die Ermöglichung besonderer Glaubenserlebnisse, das Anregen von Fragen. Man sollte nicht mit Antworten kommen, sondern die Jugendlichen anregen, Fragen zu stellen, und ihnen aufzeigen, wo man Antworten finden könnte.

Sie sollten auch merken, dass wir als Menschen eine Verantwortung haben für Natur und den Mitmenschen. Das zeige ich anhand der Beispiele auf, die gerade in der Welt passieren, und überlege mit ihnen, wo man da tätig werden könnte, oder unternehme mit ihnen gezielt kleine Aktionen.

Sollte der Religionsunterricht alle erfassen oder eher freiwillig sein?

Mit Freiwilligen zu arbeiten, ist organisatorisch einiges einfacher. Bei der Firmvorbereitung ist das zum grossen Teil der Fall. Das ist natürlich ein ganz anderes Schaffen. Wenn es obligatorisch ist, ist das der ganzen Stimmung abträglich. Es langen zwei, die offen manifestieren «Ich will nicht, das interessiert mich nicht».

Die Abmeldemöglichkeit entlastet auch mich als Lehrperson. Dann kann ich zu einem Schüler schon mal sagen: «Du bist nicht reif. Du kannst dich nicht in die Gruppe integrieren. Wäre es nicht gescheiter, ein Jahr zu pausieren oder ganz auszusteigen? » Ich habe ja auch Verantwortung für die anderen.

Die Möglichkeit zur Abmeldung finde ich gut. Aber ein von Anfang an freiwilliger Unterricht wäre mir zu offen, weil viele Kinder dann die Chance verpassen würden, ihre Religion kennenzulernen und Freude daran zu haben. Ich finde es das beste Prinzip, wenn zunächst einmal alle dazu kommen und dann erst die Möglichkeit besteht, sich im Einzelfall abzumelden.

Welche Form des RU eignet sich am besten zur Glaubensvermittlung?

Ich schätze am meisten den Blockunterricht von wenigstens zwei Stunden. Sehr mühsam finde ich die Einzellektionen, vor allem auf der Sekundarstufe. Auf der Unterstufe haben diese wegen der Konzentrationsfähigkeit durchaus ihre Berechtigung. Ab der vierten Klasse lohnen sich Blockstunden, weil man nach der Einführung in das Thema dran bleiben und dazu Erlebniserfahrungen vermitteln kann, was in einer dreiviertel Stunde meistens in dieser Tiefe nicht möglich ist.

Wo unterrichten Sie am liebsten – in der Schule oder in Gemeinderäumen?

Beides hat seine Qualitäten. Im Schulhaus ist es für die Schüler die gewohnte Umgebung, ich bringe die Kirche in die Schule, kann das Leben in der Schule mitgestalten. Ausserdem kann ich gerade bei disziplinarischen Problemen mit der Schulleitung und den Lehrern zusammenarbeiten. In Pfarreiräumen bin ich als Lehrer im Vorteil: die Jugendlichen kommen quasi zu mir. Ich habe es einfacher, Disziplin durchzusetzen. Ausserdem hat man mehr Platz und mehr Möglichkeiten.

Wie kann der christliche Glaube in Zukunft am besten weitergegeben werden?

Ein grosser Schwerpunkt müsste auf Erwachsenenkatechese gelegt werden. In den meisten Fällen, in denen es Schwierigkeiten gibt, sind es die Eltern, die Mühe haben. Oft fehlt ihnen das Verständnis für gewisse Zusammenhänge. Auf der anderen Seite sind Eltern durchaus begeistert von den angebotenen Unterrichtsthemen. Deswegen haben wir z. B. in der Sekundarstufe auch den Besuch in der Moschee für Erwachsene geöffnet.

Eine optimale Form von Religionsunterricht wäre für mich, dass Eltern und Kinder am gleichen Thema arbeiten, zum Teil separat in altersgerechter Form, zum Teil miteinander, indem sie sich z. B. ihre Ergebnisse gegenseitig vorstellen oder in einer Art Ausstellung zeigen. Bis zur fünften Klasse sind meiner Erfahrung nach Eltern dafür offen.

Welche Unterstützung bräuchten Katecheten?

Sie könnten sich gegenseitig unterstützen. Es ist schon extrem heilsam zu wissen, dass man nicht der Einzige ist, der Probleme bei der Disziplin oder bei der Vorbereitung hat. Das könnte in einer Art Austauschgruppe geschehen, in einer Art kantonalem Berufsverband für nebenamtliche Katechetinnen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Detlef Kissner

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Norbert Schalk macht die Erfahrung, dass viele
Jugendliche an religiösen Themen interessiert sind.

Bild: Detlef Kissner
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