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Ausgabe Nr. 10

Editorial

Wer schon einmal Karussell gefahren ist, hat am eigenen Leib erfahren, welch enorme Kräfte einen dabei nach aussen treiben. Umso erstaunlicher finde ich es, dass es uns Menschen auf unserer schnell drehenden Erde hält und dass die Erde selbst nicht auseinanderfällt. Die Physiker erklären dieses Phänomen damit, dass der Zentrifugalkraft die Gravitation entgegenwirkte – eine Kraft, die durch die gegenseitige Anziehung von Massen hervorgerufen wird. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass Planeten um eine Sonne kreisen.

So eine zentrierende Kraft scheint es nicht nur im Grossen, im Kosmos, zu geben, sondern auch im Kleinen, in unserem Inneren. Wir tragen in unserer Seele das Bild der Mitte, das die vielen Impulse in uns zusammenführt. Mit diesem Bild verbindet sich die Vorstellung, bei sich zu sein, mit sich identisch zu sein, ganz zu sein. Es übt eine besondere Faszination auf uns aus, die in Kreisbildern und unzähligen Mitte-Darstellungen zum Ausdruck kommt (vgl. folgende Seiten). Der Psychotherapeut C. G. Jung stellte fest, dass in Träumen oder Imaginationen von Menschen, deren seelisches Gleichgewicht gestört ist oder die chaotische psychische Zustände durchleben, Mandalas auftauchen. Diese Kreisbilder wirken dann ordnend, richtungweisend und sinnstiftend auf diese Menschen. Auch Mystiker wie z. B. Hildegard von Bingen oder Bruder Klaus sahen in ihren Visionen Kreisbilder (Christus in der Mitte), die sie nicht mehr losliessen und ihr Leben veränderten.

Die folgenden Seiten wollen auf das Phänomen «Mitte» aufmerksam machen. Sie möchten den Blick dafür öffnen, wo uns in Zeichnungen, Geschichten und Bauwerken, aber auch in der Natur (in einem quer aufgeschnittenen Apfel, in den Jahresringen eines Baumstammes, in der Vergrösserung eines Sonnentierchens …) überall Kreis und Mitte begegnen. Sie möchten einladen, sich auf das Phänomen der Mitte einzulassen, ihre zentrierende Kraft zu entdecken und neue Erfahrungen damit zu machen. Es tut unserer Zeit gut, wenn dadurch Ablenkung, Zer-Streuung und Action an Bedeutung verlieren und ein wenig mehr Sammlung, Kon-Zentration und Stille Einzug halten.

Detlef Kissner

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