«Die Stille ist mein Lebensthema»
Ein Gespräch mit Bruno DörigBruno Dörig wird vom 10. Juni bis zum 6. Juli in den Gängen des Mattli-Hauses in Morschach einen Teil seines umfangreichen Schaffens ausstellen. Das Hauptthema der Bilder ist der Kreis, auf zahlreiche Arten farbig wiedergegeben und zum Teil mit Schriften kombiniert. Bruno Dörig erzählt im Interview, wie er auf diese Form aufmerksam geworden ist, warum er heute lieber von Kreisen als von Mandalas spricht und wann Kinder den Erwachsenen voraus sind.
Auf dem Teppichboden im Wohnzimmer liegen zahlreiche Bilder, einige sorgfältig nebeneinander gelegt, andere etwas zerstreut. An einen Sessel gelehnt stehen bereits aufgezogene Exemplare. Ihnen allen gemein ist eine Form: der Kreis. Mal nach oben offen, mal mit einer Mitte, mal ohne sichtbares Zentrum. Beim genauen Betrachten erschliessen sich auch einzelne Worte.
Herr Dörig, haben Sie die Bilder extra für das Interview parat gelegt?
Nicht nur. Ich stecke ja mitten in den Vorbereitungen für die Ausstellung. Einige Bilder habe ich bereits zum Aufziehen weggegeben, andere muss ich noch auswählen.
Das tönt nach viel Arbeit.
Das ist es in der Tat. Es geht ja nicht nur darum, die richtigen Bilder auszuwählen. Mittlerweile sind es über hundert! Ich möchte die Ausstellung nicht mit Bildern überladen, sondern auch Exponate zeigen, die mir zugeschickt worden sind. Das Aufhängen der Bilder am richtigen Ort ist ebenfalls eine Herausforderung.
Wie sind Sie auf den Kreis gekommen?
Anfangs der Sechzigerjahre besuchte ich Assisi und wurde auf die Rosetten an den Kirchenfassaden aufmerksam. Jahre später entdeckte ich auf einem Flohmarkt in Zürich ein Malbuch mit Mandalaformen, die zum Teil schon ausgemalt waren. Von diesem Moment an begab ich mich auf die Suche nach Kreisbildern und der Bedeutung von Mandalas. Ich wurde ein richtiger Sammler, überall entdeckte ich Kreisformen, vor allem in der Natur. Da ich ein praktischer Mensch bin, setzte ich die Mandalas gezielt an meiner Schule ein, wo ich 14 Jahre lang Sekundarlehrer war.
Mit welchem Ergebnis?
Zuerst reagierten die Kinder abfällig, doch nach 10 Minuten herrschte eine unbeschreibliche Stille, ja Besinnung im Klassenzimmer. Es war ein richtiges Aha-Erlebnis. Einige Schüler fragten am Ende der Lektion gar, ob wir dies wiederholen würden.
Waren die Reaktionen immer so positiv?
Nein. Es gab auch Stimmen, die monierten, dass freies Zeichnen viel kreativer und Ausmalen regressiv sei. Doch ich habe gemerkt, dass einige Menschen gerne eine Begrenzung haben, da sie sich sonst überfordert fühlen. Auch das Wort «Mandala» kam nicht immer gut an, ja, es löste gar Angst aus, da es aus dem Osten kam und in der Esoterik gebraucht wird.
Sie liessen sich aber nicht beirren?
Nein. Als ich mich Ende der Siebzigerjahre mit Mandalas beschäftigte, war ich sehr früh dran. Mit 47 gab ich meine sichere Stelle als Sekundarlehrer auf und gründete mit meiner Frau den noah-Verlag. Dort verlegten wir vor allem Produkte, die uns persönlich überzeugten. Unter anderem kam uns dann auch die Idee, Mandalas zum Ausmalen anzubieten. Diese Blöcke und Hefte, die damals etwas ganz Neues waren, realisierten wir zusammen mit dem Verlag am Eschbach in Deutschland. Dieser reagierte zuerst eher skeptisch. Aber der gute Absatz der Produkte gab uns Recht.
Mandalablöcke kann man mittlerweile ja überall kaufen.
Leider. Mandalas wurden zu einem Massenprodukt. Deshalb haben wir mit der Produktion der Blöcke aufgehört. Der eigentliche Sinn des Mandala-Ausmalens ging total verloren und in der Schule wurden die Kinder auf bequeme Art beschäftigt. Deshalb rede ich heute nicht mehr von Mandalas, sondern lieber von Kreisen.
Was ist denn der Sinn?
Sich ganz bewusst, ohne Ablenkung und Kritik, auf das Malen zu konzentrieren und die Stille zu entdecken, sie aber auch auszuhalten. Die Menschen spüren intuitiv, dass es ihnen gut tut. Durch die Begrenzung ist der Zugang zum Malen sehr leicht, es braucht keine Erklärung und man kann nichts falsch machen. Der Kreis ist die «Urgeste des Umfangens und Umarmens», wie Ingrid Riedel aus Konstanz, eine von mir sehr geschätzte Psychotherapeutin, sagt. Egal, ob man den Kreis nun frei malt oder ausmalt, es entsteht eine Ordnung: es gibt einen Rand und eine Mitte.
Welches sind Ihre eindrücklichsten Erfahrungen mit dem Kreis?
Da gibt es gleich mehrere. Sei es ein Stille- Raum in einer Kirche, wo es ein Glasfenster in Kreisform gibt. Aber auch der Kreis in der Poesie, Gedichte in Kreisform. Oder auch Kreistänze, die ich gerne besucht habe. Dort gab es auch eine lustige Erfahrung, bei der wir die Füsse als Pinsel einsetzten und auf einem riesigen Papier Kreistänze aufführten. Doch wie sollten wir mit der Farbe an den Füssen aufs Papier gelangen, ohne vorher alles zu beklecksen? Wir haben viel gelacht.
Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?
Ich habe einen «Schmalspurtheologiekurs» gemacht. Ich habe sogar ein Jahr lang Theologie studiert. Das Wertvollste lernte ich jedoch beim Kaffee mit einem etwas aufmüpfigen Theologen. Mich interessieren jedoch eher die Spiritualität bzw. die Stille und die Meditation sowie der Glaubensschatz der Kirche. Die Stille ist mein Lebensthema.
Fühlen sich alle Menschen wohl, wenn sie sich mit Mandalas oder Kreisen beschäftigen?
Nicht immer. Es gibt auch solche, die sich eingeschlossen fühlten und den Kreis geöffnet oder verschnitten haben. Interessant ist, dass, auch wenn die Vorlagen gleich sind, die Resultate ganz individuell ausfallen, sogar dann, wenn gleiche Farben verwendet werden.
Sie haben diese Art von Stillefinden nicht nur in der Schule eingesetzt.
Nein, ich war im Bildungshaus Mattli in Morschach tätig und organisierte Familienkurse. Mir ist es wichtig, dass man Kreisbilder in Gemeinschaft erfährt. Wir haben Steine, Äste und Tannzapfen im Wald gesucht und damit einen Kreis gestaltet. Auch habe ich Mandalas ausmalen lassen, was eine sehr interessante Erfahrung war.
Inwiefern?
Die Kinder sind viel offener und fangen gleich zu malen an. Am schwersten taten sich oft die Väter, die fast ratlos vor dem Blatt sassen und sich überwinden mussten. Sie liessen sich aber von den Kindern anstecken, ja, richtig verführen.
Wenn man Ihre neuen Werke betrachtet, so hat sich der Kreis verändert.
Ja, ich male heute gerne offene Kreise, oder Kreise, die keinen sichtbaren oder einen verschobenen Mittelpunkt haben. Das Kreisbild erweitert sich ständig.
Interview: Claudia Koch
besonderes Kreisbild. Er nennt es «Kaffeeogramm».
Bild: Claudia Koch


