Beobachtungen aus der Spitalseelsorge

In der Adventszeit werde ich deutlich häufiger gerufen als sonst. Die Gespräche sind oft länger und tief­gründiger. Der Advent ist für Patienten eine sehr schwie­rige Zeit, in der sie stark mit ihrer Situation hadern. Eigentlich sollte die Welt dann in Ordnung sein, man sollte Guetzli backen, die Türchen am Advents­kalender öffnen, mit den Enkeln um den Adventskranz sitzen. Advent ist Familienzeit, Sehn­suchts­zeit. Aber für die Patientinnen und Patienten ist die Welt gar nicht in Ordnung. Sie verpassen diese Zeit mit der Familie oder den Menschen, die ihnen wichtig sind. Wir haben nun mal eine Heile-Welt-Vorstellung von Weihnachten. Obwohl die Weihnachts­geschichte selbst ja alles andere als eine Idylle beschreibt. Und trotz der schwierigen Ausgangslage beschreibt die Weihnachtsgeschichte auch heilige Momente, eine besondere Atmosphäre. Auch die Weihnachtstage im Spital sind dann besonders.

Spirituell satt werden
Der Betrieb ist reduziert, viele Patienten dürfen kurzzeitig nach Hause. Diejenigen, die bleiben, wünschen selbst Fremden « Frohe Weihnachten ». Alle sind auf positive Weise empfindsamer, wollen auch spirituell satt werden. Und nachdem sich die Patientinnen und Patienten damit abge­funden haben, die Feiertage im Spital zu verbringen, sind sie oft überrascht, wie gut sie mit ihren Angehörigen feiern konnten. Auch auf der Palliative-Station lässt Weih­nachten niemanden kalt. Hier, wo die Menschen gepflegt und betreut werden, die ihr Lebensende bereits vor Augen haben, gehen die Patientinnen und Patienten unterschiedlich mit dem Fest um : Die einen freuen sich riesig, dass sie nochmals Weihnachten erleben dürfen. Anderen, die Schmerzen haben und nur noch auf den Tod warten, ist das Fest häufig zu viel.

Viele Patienten möchten über die Feiertage nach Hause. Das Team gibt sich grosse Mühe mit der Weihnachtsdekoration, um wenigstens etwas Feststimmung zu verbreiten. Weihnachten ist gerade auch hier eher besinnlich und ruhig. Aber es schwingt auch immer etwas Wehmut mit: Viele reflektieren ja zur Weihnachtszeit das vergangene Jahr und ziehen Bilanz. Auf der Palliative-Station ist das oft auch ihr ganzes Leben. Aber es gibt in diesen schwierigen Situationen auch immer wieder schöne Momente. Die Menschen sind sensibler während dieser Zeit und achten mehr aufeinander. Besonders schön ist unsere Patienten­weihnacht, wenn wir Weihnachts­lieder singend durch die Station gehen und mit jedem Patienten und jeder Patientin ein kurzer, ganz besonderer, fast magischer Moment entsteht.

Essenz von Weihnachten
Für mich persönlich ist Weihnachten im Spital nichts Schlimmes, im Gegenteil : Der ganze Weihnachts-Kommerz fällt im Spital komplett weg. Es geht hier nicht ums Konsumieren, sondern um die Essenz – das Zusammensein.

Maria und Josef waren auch nicht zu Hause und mussten Zuflucht in einem Stall suchen. Für mich der beste Beweis, dass aus einer schwierigen Situation etwas Gutes entstehen kann, ganz speziell an Weihnachten.

Barbara Huster, 3.12.24

Krippe
Quelle: Wikimedia Commons
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