Aus Wunsch und Denken wird Wunschdenken
Bittet, so wird euch gegeben. Dieses jahrtausendealte Prinzip aus der Bibel verbreitet sich neuerdings auch auf Social Media. Dort geht es aber nicht um den Glauben an Gott, sondern um Wünsche an das Universum. Mit Hilfe des Manifestierens will Eliane ihren Traummann gefunden haben. Welche psychologische Theorie steckt dahinter ? Und was meint eigentlich die Kirche dazu ?
Unsere Gedanken schaffen unsere Realität. Wer das glaubt, wird selig – im wahrsten Sinne des Wortes. Ob ein volles Portemonnaie, ein neues Auto oder ein harmonisches Familienleben, alles soll man sich direkt beim Universum bestellen können. Man braucht nur darum zu bitten. Das Gesetz der Anziehung besagt : Gleiches zieht Gleiches an. Wenn wir also positiv denken, wird uns Positives widerfahren. So lautet das Versprechen von spirituellen Gurus und selbst ernannten Hohepriesterinnen, die auf TikTok Anleitungen zum korrekten Manifestieren geben.
Gemäss Duden bedeutet manifestieren : sich als etwas Bestimmtes offenbaren. In esoterischen Kreisen ist damit die bewusste Beeinflussung der eigenen Zukunft durch positive Glaubenssätze gemeint. Eine der beliebtesten Manifestationsmethoden ist es, sich einen Wunsch wiederholt aufzuschreiben. Also beispielsweise : « Ich finde einen liebenswerten Partner. » Dieser Glaubenssatz wird dann verinnerlicht und gleichzeitig als Forderung an den Kosmos gesendet.
Der Placebo-Effekt des Universums
Der Religionswissenschaftler und Psychotherapeut Sebastian Murken beschreibt Glaubenssätze in einem Interview als innere Muster, die durch Gedanken und Erlebnisse geformt werden. Sie sind tief im Unterbewusstsein verankert und steuern von dort aus unser Verhalten. Wir sind diesen Verhaltensmustern aber nicht hilflos ausgeliefert, sondern können negative mit positiven überschreiben und so unseren Lebensweg aktiver steuern. « Wenn wir ein inneres Bild davon entwickeln, wo wir hinwollen, ist es tatsächlich wahrscheinlicher, dass wir unsere Ziele erreichen », sagt Sebastian Murken. Manifestieren hat für ihn daher mehr mit Psychologie als mit Spiritualität zu tun. Jede Form der positiven Erwartungshaltung unterstütze das Eintreffen dieser Erwartung, das beweise der Placebo-Effekt. « Das Medikament ist lediglich ein Medium, über das die Erwartung transportiert wird – genauso wie bei Manifestationen das Medium ein wohlwollendes Universum ist. » Trotzdem sieht Murken darin auch einen religiösen Aspekt. In der westlichen Gesellschaft nimmt der traditionelle Gottesglaube zwar immer mehr ab, die Suche nach einem Transzendenzbezug ist und bleibt jedoch ein zentraler Bestandteil unserer Psyche. Damit versuchen wir, uns Unerklärliches zu erklären – wie die Erfüllung eines Wunsches auf scheinbar wundersame Weise.
129 Tagebucheinträge zum Traumpartner
Um einen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, sollten wir ihn also vorher genau visualisieren. Zumindest bei Eliane hat das funktioniert. Aufgewachsen ist sie in der « Gemeinde für Christus » (damals noch « Evangelischer Brüderverein »), in der nur das Beten zu Gott erlaubt war. Eliane hat diese Freikirche zwar schon vor langer Zeit verlassen, ihre streng religiöse Vergangenheit beeinflusst ihr Leben aber bis heute. Rund vier Monate lang hat die 55-Jährige jeden Abend manifestiert. Dazu hat sie in ihrem Tagebuch alle gewünschten Eigenschaften ihres zukünftigen Partners aufgelistet. Kurze Zeit später ist Yves in ihr Leben getreten und hat all ihre Erwartungen erfüllt. Kennengelernt haben sie sich letzlich über ihren gemeinsamen Coiffeur, der sie verkuppelt hat. Die beiden sind seit vier Jahren glücklich zusammen und Eliane ist überzeugt : « Das Universum hat uns zusammengeführt ! » Seit diesem Erlebnis hat sich ihr Glaube stark verändert.
Entscheider
Seine Wünsche bei einer höheren Macht anzubringen und auf deren Erfüllung zu hoffen, ist eine Beschreibung, die sowohl auf das Beten wie auf das Manifestieren zutrifft. Ein entscheidender Unterschied dieser beiden Praktiken ist deren Forderungscharakter. In allen klassischen Religionen ist Gott der Entscheider, in anderen meist der Mensch. « Der Schöpfer erwartet von seinen ‹Schöpflingen› immer ein gewisses Verhalten, damit das von ihnen Gewünschte eintrifft », sagt Sebastian Murken. Alle Zehn Gebote in der Heiligen Schrift starten mit den Worten : « Du sollst ... » Gott verlangt darin beispielsweise, nicht zu töten und keine anderen Götter neben ihm zu haben. Beim Manifestieren stellen sich die Menschen umgekehrt meist selbst ins Zentrum des Universums, an das sie ihre Forderungen stellen. Ausser dem Wünschen brauchen sie für ihr Glück nichts zu leisten. Sie werden ihr eigener Gott und entscheiden darüber, was sie für ein gutes Leben brauchen.
Paradoxerweise fokussiert man sich beim Glauben an den unendlichen Kosmos hauptsächlich auf sich und seine eigene kleine Welt. Murken warnt deshalb vor einer Entsolidarisierung unserer ohnehin schon stark individualisierten Gesellschaft. Nach der Logik des Manifestierens bekommt jeder und jede genau das, was er oder sie verdient. Folglich benötigten die Armen und Kranken auch keine Hilfe, sie müssten einfach nur ihre verinnerlichten Glaubenssätze anpassen.
Bittet, so wird euch gegeben ?
Im Gegensatz dazu sind die Mitmenschen ein zentraler Bestandteil des Christentums. Gott kümmert sich um seine Schützlinge und möchte, dass sie einander auch gegenseitig unterstützen. Das ist zwar eine weitere Forderung von seiner Seite, aber die Bibel besagt auch : « Bittet, so wird euch gegeben. » Dürfen wir uns also auch von Gott eine erfolgreiche Karriere und übermässigen Reichtum wünschen ? Grundsätzlich sind uns im Gebet keine Grenzen gesetzt. Hochmut und Habgier sind jedoch zwei der Sieben Todsünden, die als besonders schwere Vergehen gelten. Ruhm und Geld gehören zu den beliebtesten Wünschen beim Manifestieren, aus christlicher Sicht schwächen diese Begierden aber die Beziehung zu Gott.
Zudem sieht das Christentum das Universum als Werk Gottes, nicht als höhere Macht zum Anbeten. Der katholische Theologe Jean-Pierre Sitzler betrachtet moderne Spiritualität daher kritisch.
Dazu das Interview unten.
Alexandra Inniger, 12.2.24
Ein festes Ritual
Bitte einmal den perfekten Mann
Eliane hatte es satt, auf den perfekten Mann zu warten, und hat ihn sich darum direkt beim Universum bestellt. Jeden Abend hat sich die 55-Jährige die gleichen Sätze in ihr Tagebuch geschrieben.
Ich bin eine liebenswerte Partnerin. Ich finde einen liebenswerten Partner, habe ich geschrieben – oder : Ich bin eine lebensfrohe Partnerin, ich finde einen lebensfrohen Partner.
Vier Monate lang hat sie ihre Hausaufgaben gemacht und keinen einzigen Tag ausgelassen.
Ohne dieses Ritual bin ich nicht eingeschlafen. Ich habe das mit viel Freude gemacht. Manchmal konnte ich es auswendig aufschreiben und manchmal dachte ich : Was machst du hier eigentlich ? Jeden Abend die gleichen Sätze – für was ? Aber es war fast wie eine Sucht.
In diesem Fall war es eine Sucht, die sich zum Positiven änderte. Eliane hat ihren Traummann kurz darauf gefunden und erklärt sich ihren Erfolg so :
Manifestieren heisst, sich mental auf eine Situation einzustellen, die man sich wünscht. Ich habe mir vorgestellt, wie dieser Mann sein müsste. Mein jetziger Partner entspricht fast zu 100 Prozent diesem Mann. Daher glaube ich, es hat funktioniert.
Genauso wie positive kann man auch negative Glaubenssätze manifestieren. Eliane ist in einer streng religiösen Freikirche aufgewachsen, was ihren Glauben stark geprägt hat.
Die Glaubenssätze sind in einem betoniert von den Predigten, die ich als Kind über mich ergehen lassen musste. Sehr viel war mit Angst verbunden. Nicht ein freier Glaube, nicht ein guter oder lieber Gott, sondern eine strafender.
Wegen dieses Weltbilds dachte sie häufig, sie hätte ihren Traummann gar nicht verdient, weil sie gesündigt habe. Auch andere negative Glaubenssätze entstanden in dieser Zeit. Sie fühlte sich oft alleingelassen, weil sie ausserhalb der Kirche mit niemandem zu tun haben durfte. So tönte ihre innere Stimme damals :
Ich gehöre nicht dazu, ich bin ausgeschlossen. Ich bin anders, ich bin nicht schön, ich bin nicht begehrenswert.
Lange hat sie gebraucht, um sich selbst zu akzeptieren und sich von der Kirche zu lösen. Deshalb sei es ein Wunder, dass sie ihren Glauben nicht verloren habe.
Ich würde trotzdem sagen, nach all den Jahren, in denen ich eigentlich nicht mehr wollte : Ich glaube, dass es einen Gott gibt. Aber ich glaube auch, dass es viel grösser ist, als das in meiner kindlichen Vorstellung. Das war eine kleine Welt, in der ich aufgewachsen bin. Ich glaube, es ist alles viel grösser und wir haben alle keine Ahnung.
Eliane betet immer noch, aber nicht mehr so wie früher mit geschlossenen Augen und verschränkten Fingern. Beten ist für sie heute Tagebuch schreiben. So spürt sie die Verbindung zu Gott und dem Universum.
Dieser Text basiert auf dem folgenden Audiobeitrag von Alexandra Inniger.
Interview_Manifestieren
Beten stammt von bitten
« Gott ist nicht der Nikolaus, dem ich einfach einen netten Spruch vortragen kann »
Beim Manifestieren wenden sich die Menschen mit ihren Anliegen an den Kosmos. Jean-Pierre Sitzler vertraut dagegen auf Gott. Im Interview setzt sich der Leiter der Erwachsenenbildung der katholischen Landeskirche Thurgau mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zum traditionellen Gebet auseinander.
Jean-Pierre Sitzler, Manifestieren wird auf Social Media immer beliebter. Kann man diese Praxis mit dem Beten vergleichen ?
Da gibt es einige Verbindungslinien. Die Menschen brauchen immer etwas, woran sie sich festhalten können. Dazu eignet sich sowohl der Glaube an das Universum als auch der Glaube an einen Gott. Zudem gibt es bei beiden Praktiken Extreme – entweder gibt man alle Verantwortung an eine übernatürliche Kraft ab oder man bestimmt alles selbst.
Nehmen die Menschen beim Manifestieren ihr Glück eher selbst in die Hand, wohingegen sie die Verantwortung beim Beten an Gott abgeben ?
Nicht unbedingt. Es gibt zwar Gläubige, die der Ansicht sind, wenn es ihnen schlecht gehe, müssten sie nur mehr beten. Das mag helfen, aber meist stösst der Glaube dort an seine Grenzen. Der Unterschied ist eher die Frage, ob ich rein menschliche Ziele verfolge oder mich Gott zuwende. In der Religion spielt zudem die Gemeinschaft eine wichtige Rolle.
Der Glaube schenkt also mehr Halt als eigennütziges Wünschen ?
Das kommt auf die Art der Wünsche an. Wenn es nur darum geht, reich zu werden oder immer zuoberst auf der Siegertreppe zu stehen, ist das meiner Meinung nach wenig sinnstiftend. Aber auch beim Manifestieren ist ein spiritueller Zugang möglich, indem ich das Universum als göttliche Energie betrachte und versuche, ihr näherzukommen. Ich finde es aber schwierig, mich an einen unendlichen Kosmos zu wenden. Wo ist da mein Gegenüber ? Im Christentum habe ich einen Gott vor mir, der Mensch geworden ist und folglich um das Menschliche weiss.
Weshalb wenden sich dann immer mehr Menschen dem Universum zu, aber von Gott und der Kirche ab ?
Dahinter steckt die Sehnsucht nach einer höheren Macht und die Suche nach einem allumfassenden Sinn. Religionswissenschaftlich betrachtet sind dies die Ursprünge aller Glaubensrichtungen. Heutzutage kehren verständlicherweise viele Menschen der Kirche den Rücken, aufgrund der Skandale und des Wissenschaftsoptimismus. Dann bleibt diese Sehnsucht aber unerfüllt.
Würden Sie das Manifestieren empfehlen ?
Ich will es sicherlich niemandem verbieten. Man sollte sich zuvor aber zwei Fragen stellen : Was entspricht mir ? Und was ist menschenwürdig ? So verleiht man dieser Praxis eine spirituelle Note. Dreht sich nämlich alles nur um Selbstoptimierung, stosse ich einerseits als Mensch an meine körperlichen und psychischen Grenzen. Andererseits gehe ich im Extremfall über Leichen, um meine Ziele zu erreichen. In den Religionen gibt es für diesen Fall ein Korrektiv – die Mitmenschen werden mitbedacht. Das bremst zwar vermutlich auf der eigenen Zielgeraden, hilft aber der Gesellschaft als Ganzem.
Und worauf sollte man beim Beten achten ?
Als Kinder lernen wir Gebete wie das Vaterunser als Orientierungshilfe auswendig. Es geht aber nicht nur darum, etwas aufzusagen – wie beim Manifestieren. Gott ist nicht der Nikolaus, dem ich einfach einen netten Spruch vortragen kann. Im Gebet geht es vielmehr darum, mit dem Schöpfer in eine Beziehung zu treten und zuzuhören. Auch wenn keine Stimme zu mir spricht, kann ich versuchen, darauf zu hören, was sich in mir regt und mich im Innersten berührt. Darin manifestiere ich mich.
Interview : Alexandra Inniger, 12.2.2025
Gibet
Beten leitet sich aus dem althochdeutschen gibet ab und bedeutet ursprünglich bitten. Auch wenn das Bitten aus theologischer Sicht nicht der Hauptfokus der menschlichen Gottesbeziehung sein sollte, zeigt die Wortbedeutung dessen Wichtigkeit im Gebet. Beim Manifestieren ist das Bitten der zentrale Aspekt. Daher behauptet der Religionspsychologe Sebastian Murken : « Jede Form des Betens ist auch eine Form der Manifestation. »
Ob wir nun religiös, spirituell oder atheistisch sind – wir manifestieren alle ein bisschen, weil wir nie wunschlos glücklich sind. Jeder von uns hat Hoffnungen und Träume und stellt sich seine ideale Zukunft vor. Wir können uns frei entscheiden, ob wir dafür auf uns selbst, das Universum oder auf Gott vertrauen. Aber vielleicht ist die wichtigste Entscheidung, ob wir uns nur um uns selbst kümmern oder auch um unsere Mitmenschen
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