Wort der Kirchen von Schaffhausen zum Bettag
«Gerechtigkeit erhöht ein Volk», sagt der Dichter im biblischen Wort der Sprüche (14,34). Dabei wissen wir alle, wie oft das Gegenteil der Fall ist. Ungerecht geht es auf der Welt zu. So hat der italienische Waldenserpfarrer Tullio Vinay recht, wenn er postuliert: «Es wäre schon viel gewonnen, wenn alle Menschen zu ihrem Recht kämen. Doch selbst dann herrscht noch lange nicht Gerechtigkeit.»
Der Begriff der Gerechtigkeit (hebräisch: «zedaka») zieht sich wie ein roter Faden durch die biblischen Traditionen. Die wahre Grösse eines Volkes besteht nach dem biblischen Wort in seiner sittlichen und ethischen Gesinnung in der Gerechtigkeit. Nicht seine zivilisatorische und kulturelle Grösse wie die des antiken Griechenlands, nicht eine global-politische Macht wie sie damals Babylonien besass, noch eine juristisch-militärische Grösse wie sie das Imperium Romanum hatte und Europa hinterliess, sind für Gott massgebend, sondern Recht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und sozialer Sinn. Darin wird eine Nation erhöht und kann sich damit auch ihre Zukunft sichern!
Nun können wir den Begriff «zedaka» noch zutreffender ins Deutsche übersetzen mit dem Begriff: «Gemeinschaftstreue». Ein Doppeltes ist hiermit gemeint: zum einen die Treue Gottes gegenüber uns Menschen. Zum anderen soll diese Gemeinschafts-
treue das Zusammenleben von uns Menschen bestimmen. Der zentrale Ort für diese Praxis der Gemeinschaftstreue war in Israel der Jerusalemer Tempel. Dort durften sich alle, Arme wie Reiche, Junge wie Alte, einfinden mit ihren Nöten und Sorgen, mit ihren Zweifeln und Hoffnungen – auch wenn das Ideal nicht immer erreicht wurde. Auch die Kirchen haben bis heute den Anspruch ein solcher Ort zu sein. Und so ist es nur gut und richtig, wenn wir daran erinnern, dass Gerechtigkeit oder Gemeinschaftstreue ein Volk erhöht.
Die diesjährige Schaffhauser Bettagsaktion will dazu einen Beitrag leisten. Sie setzt sich für gewaltbetroffene Mädchen in Sierra Leone ein. Schon längst leben wir nicht mehr in den engen Grenzen von Nationen, sondern Recht und Gerechtigkeit sollen weltweit ihren Ort finden. Da müssen auch wir Verantwortung übernehmen und immer wieder einen entsprechenden Beitrag leisten. Mit unserer Hilfe mag es zum Beispiel gelingen, dass von Gewalt betroffene Mädchen zu ihrem Recht
kommen – auch wenn dies nur ein erster Schritt für ein Leben in Gerechtigkeit sein kann.
Evangelisch-reformierte Kirche
Römisch-katholische Kirche
Christkatholische Kirche, 15.9.20
(Ps 37,6)
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