Die Geheimnisse der Reichenau aus Sicht einer Schriftstellerin
Die Bestsellerautorin Tanja Kinkel hat sich zum Jubiläum der Reichenau intensiv mit der 1'300-jährigen Geschichte der Klosterinsel befasst. Im Interview spricht sie über einen genialen Denker und über brutale Streitigkeiten. Und über Botschaften, die die Jahrhunderte überdauern.
Welche Personen in der Reichenauer Geschichte haben Sie besonders beeindruckt?
Da muss ich zuallererst natürlich Hermann Contractus nennen, den körperlich schwer beeinträchtigten Mönch, dessen Geist so genial war, dass er gerne als Stephen Hawking des Mittelalters bezeichnet wird. Er ist ein Mensch, der trotz Beeinträchtigung zu einer aussergewöhnlichen intellektuellen Brillanz imstande war, aber auch zu grosser Menschlichkeit. Bei der Lektüre seiner grossen Weltchronik hat mich angerührt, dass es immer wieder Hinweise auf seine Familie gegeben hat. Und speziell auf seine Mutter. Er hat sogar angemerkt, dass er einst neben ihr beerdigt sein möchte.
Sie sind zu einer guten Kennerin der Reichenau-Geschichte geworden. Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe monatelang Dokumente und Chroniken gelesen. Besonders gefallen hat mir die Chronik, die Gallus Oehem verfasst hat. Auch er ist eine spannende Gestalt: Sohn einer Hörigen, also einer unfreien Frau. Vielleicht ist die Herkunft aus sehr einfachen Verhältnissen der Grund, warum er die Klostergeschichte auf Deutsch verfasste. Er wollte damit möglichst viele Menschen erreichen.
Sie verbinden Kenntnisse der Geschichte mit erzählerischer Kraft. Wie entstehen Ihre Ideen?
Wenn ich viel gelesen habe, mache ich oft auch lange Pausen. Die Ideen entstehen dann bei Spaziergängen. Es ist ja auch so: Manche Personen sind menschlich faszinierend, andere einfach schriftstellerisch ergiebig. Und wieder andere erzählen sich sozusagen von allein – etwa die Geschichte eines Streits um Fischereirechte im 15. Jahrhundert. In Zuge dessen hatte der Cellerar (Wirtschaftsverwalter) des Klosters einen Fischer aus Konstanz bestraft, indem er ihn blenden liess. Das empörte die Bürger von Konstanz so sehr, dass sie übersetzten und die Burg des Abtes abfackelten. Heute stehen an der Stelle der Insel noch ein paar Ruinen, gleich rechts nach dem Damm.
Wie drückte sich die Strahlkraft des Klosters aus?
Dass Walahfrid Strabo in der Loire ertrank, ist kein Zufall. Die Mönche waren damals europaweit unterwegs, sie waren im besten Sinne Europapolitiker. Die Reichenau hatte, in den Grenzen jener Zeit gedacht, Weltgeltung. Dass Hermann Contractus eine Weltchronik verfasste, zeigt ja auch den eigenen Anspruch, von der Insel aus die ganze Weltgeschichte zu verstehen und sie vermitteln zu wollen. Mehr noch: Hermann war entscheidend verantwortlich, dass sich die christliche Zeitrechnung durchgesetzt hat. Das war eine ungeheure Leistung.
Die Klostergeschichte offenbart ein Auf und Nieder in der Entwicklung.
Das ist so. Hatto III. war sicher der mächtigste aller Äbte, er war Regent des Heiligen Römischen Reichs für den Kinderkaiser Ludwig IV. Aber ich lasse ihn in meiner Geschichte sich selbst fragen: «War es gut für mich und für die Abtei, dass wir so mächtig geworden sind? Was bedeutet das für mich als Priester, dass ich Heere angeführt habe und dass ich Menschen habe hinrichten lassen? Andererseits: Was wäre aus dem Reich geworden, wenn ich es nicht gemacht hätte?» So habe ich mich bemüht, Hatto vielschichtig zu schildern.
Und wie lässt sich der Niedergang des Klosters erklären?
Als das Amt des Abtes nur noch an Adlige verliehen werden durfte, begann eine langsame Zeit des Niedergangs, durchbrochen immer wieder durch Reformbemühungen, die jedoch den Prozess nicht aufhalten konnten. Und zum Niedergang gehören auch andere düstere Episoden: Gegenüber dem Heilkräutergarten stand das Spital des Klosters. Dort gab es viele segensreiche Heilungen, aber dort hauchte auch ein Abt sein Leben aus, der vergiftet worden war.
Wie lautet Ihr Tipp für alle, die in diesem Jahr die Reichenau besuchen?
Auf jeden Fall muss man die wunderschönen Fresken in St. Georg in Ruhe auf sich wirken lassen. Mit ihnen wollten die Mönche ja ihre tiefe Überzeugung ausdrücken und diese denen vermitteln, die nicht lesen können. Noch heute geben die Darstellungen der Heilungen das Versprechen: Gott sieht dich, auch wenn du kein Kaiser bist, sondern nur ein Bettler.
Klaus Gaßner, Konradsblatt/Red., 14.5.24
Ganzes Interview auf www.konradsblatt.de
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