Sechs Frauen, ihre Ideale und Vorbilder
Sechs Frauen verschiedener Religionen feiern im November gemeinsam einen Gottesdienst – die einen mit, die anderen ohne offiziellen Priestersegen. Sie engagieren sich dafür, dass die Vorarbeit, die in früheren Zeiten für die Frauen geleistet wurden, weitergeführt wird. Der folgende Artikel, der im zVisite (siehe Kasten) erschien, stellt sie und ihre Ahninnen vor.
Texte: Nicola Mohler
Denise Alvarez-BraunschweigDie Bernerin wuchs in einem traditionellen jüdischen Haus auf, wurde Primarlehrerin, Schauspielerin und später Feldenkrais- Therapeutin. In der Jüdischen Gemeinde Bern war sie Vorstandsmitglied und als Religionslehrerin tätig. Heute führt sie Interessierte durch die Berner Synagoge. Die Jüdin gehört zu den Mitinitiantinnen des jüdischen Frauengottesdienstes und zu den Vorbeterinnen im Minchagebet, dem Gebet am Samstagnachmittag. In der Prophetin Miriam, der Schwester Moses’ und Aarons, hat Alvarez-Braunschweig eine Ahnin gefunden, die ihr viel bedeutet.
«Miriam war bereits als Kind mutig: Sie rettete ihren Bruder Moses und führte ihn zu seiner Mutter zurück.» Beim Auszug aus Ägypten führte Miriam nach der Durchquerung des Schilfmeers den Freudentanz und den Gesang der Frauen an. Ihr ganzes Leben lang floss an Miriams Seite eine Wasserquelle, die mit ihrem Tod versiegte. «Wir können Miriam erinnernd in unserem Innern erahnen», sagt Alvarez-Braunschweig.
Béatrice Menzi arbeitet als Sekretärin für den Aargauer Interreligiösen Arbeitskreis. Die gebürtige Katholikin lernte auf einer Auslandsreise die Bahá’í-Gemeinschaft kennen und entschloss sich, dieser beizutreten. Die Bahá’í berufen sich auf die Lehren Bahá’u’lláhs, der die Religion ins Leben rief.
In Bahíyyíh Khánum, der ältesten Tochter Bahá’u’lláhs, sieht Menzi ein Vorbild: «Ihre Geschichte hilft mir, den unerschütterlichen Glauben an das Gute, die Bahá’í-Vision einer geeinten Welt, praktisch umzusetzen.» Die in Persien 1846 geborene Bahíyyíh Khánum erlebte turbulente Zeiten in der Geschichte der Bahá’í-Gemeinschaft. «Ihr Glaube und ihre Taten geben mir Mut im Alltag. Sie war eine starke Persönlichkeit und half stets anderen Menschen», sagt Menzi. «Bahíyyíh Khánum scheute sich nicht vor scheinbar unlösbaren Aufgaben. Ihren heldenhaften Mut, gepaart mit vorbildlichen Charaktereigenschaften, setzte sie ganz in den Dienst ihrer Religion.»
Die römisch-katholische Theologin wuchs in Deutschland auf. In ihrer Familie spielten die Kirche und der christliche Glaube keine Rolle. Für sie persönlich allerdings schon. Heute ist Birke bei der Fachstelle Bildung und Propstei der römisch-katholischen Kirche im Aargau tätig und leitet den Arbeitskreis Regen bogenpastoral. Sie führt Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren durch. Eine besondere Beziehung hat Birke zur heiligen Brigid von Kildare. Die Tochter einer Sklavin und eines Adligen, die einst zusammen mit ihrer Mutter verkauft, später dann freigelassen wurde, gründete in Kildare das erste irische Nonnenkloster. Die spätere Äbtissin eines Doppelklosters steht für Friedensarbeit, soziales Engagement und für die Bewahrung der Schöpfung. «Gemäss einer Quelle sorgte der Heilige Geist dafür, dass bei der Weihe von Brigid von Kildare ‹versehentlich› das Formular für die Bischofsweihe verwendet wurde», sagt Birke. «Damit war der Weg für sie frei.»
Jasmina El SonbatiDie Tochter eines ägyptischen Vaters und einer österreichischen Mutter verbrachte ihre Kindheit in Kairo. In Basel und Wien studierte sie Romanistik. Heute unterrichtet sie an einem Basler Gymnasium. Die Autorin des Buches «Gehört der Islam zur Schweiz?» engagiert sich für einen liberalen Islam und initiierte den Verein Offene Moschee Schweiz. In diesem Rahmen leitet die Muslimin auch muslimische Gebete. In der Königin von Saba sieht El Sonbati eine Frau, die eine politische Funktion einnimmt: Dank ihres Verhandlungsgeschicks gegenüber König Salomon wird ein Krieg verhindert. «Die Königin von Saba wird nicht nur als gehorsame, gottgefällige und tugendhafte Frau dargestellt, sondern als eine Frau, die Macht hat und diese für den Frieden einsetzt», sagt El Sonbati. «Die Königin von Saba sehe ich als Gegenkonzept zum männlichen Herrscher.»
Vasanthamala JeyakumarDie gebürtige Tamilin ist geweihte Hindu- Priesterin in der reformierten Hindu-Gemeinschaft Saivanerikoodam (die Schule nach der Regel der Hauptgottheit Shiva) im Haus der Religionen in Bern. Dort arbeitet sie auch im Restaurant und ist Stellvertreterin des Restaurantleiters. Bereits als Kind war sie fasziniert vom Tempel und den Gottheiten.
In der Frauenfigur Auwaiyar sieht Jeyakumar eine Vorreiterin für die Gleichberechtigung der Frauen im Priesteramt. Der Legende nach vollzog die vom Schicksal gebeutelte Auwaiyar im Tempel kultische Handlungen, wie das Knüpfen von Blumengirlanden für die Gottheiten. Sie widmete ihr Leben Gott und konnte durch ihre Gebete ihren Bruder vor Krankheit schützen und ihn davor bewahren, vom Glauben abzufallen. «In dieser Figur finde ich etliches von meiner eigenen Geschichte, deshalb ist sie mir so wichtig.»
Erst studierte Melanie Handschuh römisch-katholische Theologie in Tübingen und in Dublin. Weil sie sich jedoch als Frau in den Hierarchien der römisch-katholischen Kirche ungleich behandelt fühlte, konvertierte sie zur christkatholischen Kirche. In Bern machte sie daraufhin ein Ergänzungsstudium in christkatholischer Theologie. 2012 wurde sie zur Priesterin geweiht. Heute arbeitet sie als Pfarrerin in der Christkatholischen Kirchgemeinde Zürich und im ökumenischen Pfarrteam am Flughafen Zürich.
Für Handschuh spielt die Christkatholikin Anny Peter (1882–1956) eine wichtige Rolle. Die Lehrerin gründete die Solothurner Mütterhilfe und engagierte sich zeitlebens für Frauen. «Sie hat sich mit ganzem Herzen und all ihrer Kraft für das kirchliche Frauenwahlrecht und die Bildung und Weiterbildung von Frauen in Kirche und Gesellschaft eingesetzt.»
Die Beiträge stammen aus der interreligiösen Zeitung zVisite. Sie erscheint jedes Jahr zur Woche der Religionen, dieses Jahr zum Thema «Frauen als Gottesdienstleiterinnen».
Nähere Infos www.zvisite.ch
Interreligiöses Frauengebet
Mit religiösen Riten aus dem Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum und der Bahá’í-Gemeinschaft
- Donnerstag, 8. November, 18 – 19 Uhr
Kapelle im Berner Generationenhaus, Bahnhofplatz 2, Bern
- Donnerstag, 22. November, 18 – 19 Uhr
St. Anna-Kapelle, Annagasse 11, Zürich
Offen für alle: Männer, Frauen, Alte, Junge, Religiöse und Nichtreligiöse. Eintritt frei. Voranmeldung nicht nötig.
Wie haben sie es mit den Frauen?
Fakten zu den Weltreligionen
Jede Religion kennt verschiedene Strömungen, die je nach kulturellem Umfeld anders gelebt werden. Die Frage, ob Frauen kultische Handlungen ausführen dürfen, wird kontrovers diskutiert. Ein kurzer, aber nicht abschliessender Überblick.
BuddhismusIm Buddhismus wird im Prinzip kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Dennoch zeigen sich in dieser Religion patriarchale Züge. Zwar können sowohl Männer als auch Frauen die «volle Befreiung verwirklichen» und geistliche Funktionen ausüben, aber Tatsache ist: Es gibt deutlich mehr männliche Meister als weibliche.
JudentumIm orthodoxen Judentum dürfen Frauen während des Gottesdienstes keine kultischen Handlungen ausführen. Da sich die traditionellen jüdischen Gemeinden in der Schweiz an der orthodoxen Ausrichtung orientieren, kennen auch sie keine Frauen als Rabbiner. In den liberalen jüdischen Gemeinden in Zürich und Genf sind Rabbinerinnen theoretisch zugelassen. Es gab bisher aber noch keine Gemeinderabbinerin.
Christentum- Christkatholische Konfession:
In der Christkatholischen Kirche der Schweiz stehen Frauen heute alle geistlichen Ämter offen: Diakonat (Diakonin), Presbyterat (Priesterin) und Episkopat (Bischöfin). Eine christkatholische respektive altkatholische Bischöfin gibt es bis heute aber weltweit noch nicht. - Römisch-Katholische Konfession:
Im katholischen Gesetzbuch CIC lautet der Paragraf 1024: «Die heilige Weihe (zum Priester) empfängt gültig nur ein getaufter Mann.» Begründung: Jesus habe nur Männer als Apostel berufen. Papst Franziskus formulierte klar, dass eine Zulassung der Frauen für die Priesterweihe nicht möglich sei. Die Frage wird trotzdem in der Kirche heftig diskutiert. - Evangelisch-Reformierte Konfession:
In der evangelisch-reformierten Kirche sind Frauen als Pfarrerinnen zugelassen. Aber die Frauenordination wird weltweit nicht überall umgesetzt: Gemäss einer Umfrage der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen (WGRK) kennen mindestens 42 ihrer 233 Mitgliedskirchen keine Frauenordination.
In regionalen Kontexten wie etwa in China, Südostasien, Marokko und Dänemark gibt es schon seit Längerem weibliche Imame, die aber meist nur das Gebet von Frauen leiten. Zwei der klassischen vier sunnitischen Rechtsschulen haben weibliche Imame für das Gebet von Frauen akzeptiert. Umstritten ist schon seit Jahrhunderten die Frage, ob Frauen auch das gemeinschaftliche Gebet von Frauen und Männern leiten dürfen. Die Mehrheit der praktizierenden orthodoxen Muslime lehnt dies ab. Aber es ist zu berücksichtigen, dass es diesbezüglich sehr unterschiedliche Positionen und Argumente gibt.
HinduismusUnter orthodoxen Hindus sind Frauen als Tempelpriesterinnen nicht erlaubt, da den Frauen den Status der Unreinheit zugeschrieben wird. In modernen Hindu-Bewegungen aber, wie etwa der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, übernehmen Frauen priesterliche Funktionen – so auch im Haus der Religionen in Bern.







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